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„Bis 2050 soll der Flughafen Stuttgart klimaneutral sein“

Der Flughafen Stuttgart gilt europaweit als Vorreiter bei der Elektrifizierung der Fahrzeugflotte. Im Gespräch erklärt der Sprecher der Geschäftsführung, Walter Schoefer, wie weit der Flughafen schon ist, wo es hakt und was der Öffentliche Nahverkehr lernen kann.

Der Stuttgarter Flughafen setzt bereits seit 2015 auf elektrische Fahrzeuge bei den Shuttlebussen. Gibt es noch Verbrennungsmotoren in der Fahrzeugflotte des Flughafens oder sind bereits alle Fahrzeuge auf E-Antrieb umgestellt?

Schon seit 1991 sammelt der Flughafen Stuttgart Erfahrungen mit batteriebetriebenen Fahrzeugen, denn die Gepäckschlepper auf dem Vorfeld hatten bereits damals einen Hybridantrieb. 2013 haben wir in einem Schaufensterprojekt die ersten vollelektrischen Fahrzeuge, darunter auch mehrere Passagierbusse, in Betrieb genommen. Seitdem setzen wir, wann immer es mit den speziellen Anforderungen am Flughafen vereinbar ist, auf alternative Antriebe. Im nächsten Jahr wird der Passagier- und Gepäcktransport komplett abgasfrei sein. Für viele flughafenspezifische Sonderfahrzeuge – wie beispielsweise die Einsatzfahrzeuge des Winterdienstes oder der Flughafenfeuerwehr – gibt es bislang jedoch noch keine elektrische Lösung. Darum wird noch einige Zeit vergehen müssen, bis wir beim Blick über das Vorfeld nur noch Stromer sehen. 

Woran liegt das?

Um Innovationen im Fahrzeugbau zu fördern, hat die Flughafengesellschaft 2013 das Projekt efleet gestartet, das Prototypen im Feldversuch testete. Gemeinsam mit den Herstellern konnten wir die neuen Modelle zur Marktreife führen. Bei den meisten Spezialfahrzeugen gibt es dagegen leider noch keine Alternativen zum Verbrennungsmotor. 

In welchen Bereichen haben Sie denn eine Alternative? Wo setzen Sie E-Fahrzeuge ein?

Neben Passagierbussen und Gepäckschleppern tankt auch ein Teil der Förderbänder, Frachtschlepper und Highloader Strom. Innerhalb und außerhalb des Flughafenzauns sind darüber hinaus auch Elektro-PKW und -Vans unseres Fuhrparks unterwegs. 

Wie viele Fahrzeuge sind derzeit mit E-Antrieb, Hybrid oder Verbrennungsmotor ausgestattet?

Zur Flughafenflotte gehören über 500 Fahrzeuge. Davon sind heute etwa 15 Prozent vollständig oder teilweise batteriebetrieben. Fahrzeuge, für die es noch keinen Elektroantrieb gibt, tanken bei uns seit diesem Sommer synthetischen Diesel. Dieser senkt die CO2 und Luftschadstoff-Emissionen im Vergleich zu fossilem Diesel ebenfalls erheblich.

Welche Erfahrungen haben Sie bei sich mit den E-Fahrzeugen gemacht?

In diversen Innovationsprojekten haben wir untersucht, ob sich Abfertigungsgeräte mit elektrischem Antrieb in der Praxis bewähren. Unser Anspruch war von Anfang an, dass sie die gleiche Leistung wie ihr Verbrennerpendant erbringen müssen. Inzwischen sind die Kinderkrankheiten behoben und der Betrieb läuft störungsfrei. Aus technischer Sicht spricht nichts mehr gegen eine Elektrifizierung. 

Was spricht derzeit dann dagegen?

Ohne staatliche Förderprogramme hätte sich der Aufbau des Elektro-Fuhrparks am Flughafen Stuttgart bei Weitem nicht gerechnet. Schließlich sind die Anschaffungskosten und die Investitionen in die Ladeinfrastruktur vergleichsweise hoch. Im Gegenzug sind unsere Stromer tendenziell weniger wartungsintensiv und der gefahrene Kilometer ist ebenfalls deutlich günstiger geworden. 

Es sind aber nicht die finanziellen Argumente, die uns überzeugen. Elektrofahrzeuge sind viel geräuschärmer und sauberer unterwegs. Der Technologiewandel wird in erster Linie unseren Mitarbeitern in der Bodenabfertigung sowie der Nachbarschaft zugutekommen. In unserem fairport-Programm haben wir uns dazu verpflichtet, die Arbeitssicherheit kontinuierlich zu verbessern und die Emissionen aus dem Bodenverkehr auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Noch bis 2020 wollen wir den Ausstoß im Vergleich zu 2009 um 80 Prozent verringern. Bis 2050 soll der Flughafen Stuttgart klimaneutral sein – das ist sehr ambitioniert und nur zu erreichen, wenn wir auf Elektromobilität setzen. 

Ist der Einsatz von E-Fahrzeugen wirtschaftlich sinnvoll?

Unsere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Elektromobilität bestens für die Bodenabfertigung geeignet ist. Denn: Die am Stück zurückgelegten Strecken sind kurz. Ein Passagierbus zum Beispiel fährt im Schnitt nur etwa 60 Kilometer am Tag. Für Elektromotoren spricht auch, dass der Energiebedarf insgesamt sinkt und fossile Kraftstoffe eingespart werden können. Allein 2016 konnten wir damit unseren Dieselverbrauch um rund 250.000 Liter reduzieren.

Was kann der ÖPNV Stuttgart vom Flughafen Stuttgart lernen?

Luftseitig haben wir bereits große Fortschritte gemacht. Der Flughafen Stuttgart gilt europaweit als Referenzflughafen. Bis flächendeckend Elektrofahrzeuge zum Einsatz kommen können, hilft unserer Einschätzung nach die Umstellung auf einen Synthetik-Diesel dabei, die Emissionen zu senken. 

Als intermodale Verkehrsdrehscheibe stellen wir uns aber auch auf die Mobilitätswende im Straßenverkehr ein und unterstützen diese. Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit der Messe Stuttgart daran, auf den öffentlichen Parkplätzen das Angebot an Ladepunkten weiter auszubauen. Hier gilt es frühzeitig zu handeln und unsere Infrastruktur zukunftsfähig zu machen. 

 Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schoefer.

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