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E-Autodesign heute und morgen – Paolo Tumminelli im Interview

Der elektrische Antrieb ermöglicht ein neues Autodesign. Viele Hersteller lassen jedoch mit gänzlich neuen Formen auf sich warten. Im Interview verrät Designprofessor Paolo Tumminelli, warum das so ist und welche Designkonzepte die Zukunft prägen werden.

Was ist charakteristisch für das heutige E-Autodesign?

Aktuell imitieren viele Autohersteller bei E-Autos noch das Design ihrer Modelle mit Verbrennungsmotor. Das ist beispielsweise beim E-Golf von VW oder dem Renault ZOE der Fall. Es sind zweifelsohne kluge Entwürfe – aber eben eher im Hinblick auf ein Modell mit Verbrennungsmotor. Und diesen wird künftig kein Auto mehr benötigen. Beim E-Auto haben Designer und Ingenieure viel größere Freiheiten, da der E-Antrieb sehr wenig Platz in Anspruch nimmt. So wird eine ganz neue Architektur des Autos möglich. 

Weshalb nutzen die Autobauer diese neuen Möglichkeiten noch nicht?

Ein gutes Beispiel ist der Kühlergrill. Dieses Bauteil ist charakteristisch für klassische Autos – elektrische Fahrzeuge benötigen es hingegen kaum. Viele Hersteller müssen sich allmählich von der Idee einer bulligen Motorhaube als Symbol für die Kraft der Marke lösen. Das dauert seine Zeit. Noch sind die Autodesigner eher zurückhaltend, weil sie ihre Kunden nicht verschrecken wollen.

Wir befinden uns gerade in einer Phase mit epochalem Charakter: Ähnlich wie vor 120 Jahren, als der Wechsel im Designkonzept von der Kutsche hin zu einem echten Automobil einige Zeit dauerte, ist es auch heute. Die bei Kutschen üblichen Laternen wurden damals noch lange an Autos gehängt, bevor der Geschmack schließlich reif war für moderne Scheinwerfer.

Wann werden wir ein gänzlich neues Autodesign auf den Straßen sehen?

Die Autohersteller müssen erst einmal ein bis zwei E-Autogenerationen erfolgreich an ihre Kundschaft bringen. Sie benötigen Sicherheit, dass die Autos gekauft werden. Erst anschließend – in etwa zehn bis zwanzig Jahren – wird sich das Design maßgeblich verändern. Und das nicht nur aufgrund des elektrischen Antriebs: Auch das autonome Fahren fordert die Designer heraus. Denn damit verändert sich die Nutzungsform des Autos. Das beeinflusst sowohl die äußere Form des Autos als auch die Innenausstattung.

Sind beispielsweise nur noch angemessene Geschwindigkeiten erlaubt, benötigen die Autos keine dicken Reifen oder Spoiler mehr. Fährt das Auto allein, muss der Fahrer nicht mehr angeschnallt auf dem Vordersitz Platz nehmen. Es können gänzlich neue Raumkonzepte entwickelt werden, die neue Nutzungsformen des Automobils ermöglichen und so den Spaß am Fahren ganz anders definieren, als es heute mit Renn-Gefühl der Fall ist. Besonders im urbanen Kontext taugen solche innovativen Innenraumkonzepte zum schlagenden Verkaufsargument. Denn zu 94 Prozent befinden sich die Autos in Parkposition. In diesen Ruhezeiten können E-Autos als Erweiterung des ohnehin knapp werdenden Wohnraums dienen: Das Auto mutiert zu einer Art erweitertem Wohn- oder gar Schlafzimmer.

Steckbrief:

Paolo Tumminelli ist Professor für Designkonzepte an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Technischen Hochschule Köln. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Automobilität. Zu diesen Themen berät der studierte Architekt und Designer Unternehmer und Unternehmenslenker. Außerdem ist er Autor der Bücherreihe „Car Design“.

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